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Anny Tenga Modi , Demokratische Republik Kongo
Anny Tenga Modi , Demokratische Republik Kongo
Anny Tenga Modi

Ich heiße Anny Tenga Modi. Ich habe eine 18-jährige Tochter und bin 37 Jahre alt. Als ich 13 war, ist mein Vater gestorben. Seitdem bin ich Waise.
Ich leite eine Organisation, die sich AFIA MAMA nennt. Als feministische Aktivistin engagiere ich mich für Frauen und Kinderrechte, insbesondere in den Bereichen Leadership und Teilhabe.
Seit vier Jahren bin ich in Kinshasa. Davor habe ich über zehn Jahre als Flüchtling in Südafrika gelebt.
Ich war die kleine Prinzessin meines Vaters. Er hat in der Politik gearbeitet. Als er starb war ich gerade 13 geworden. Das war ein Jahr vor dem Völkermord (in Ruanda) und zwei Jahre vor dem sogenannten Befreiungskrieg (im Kongo).
Als Waisenkind bin ich in die ostkongolesische Stadt Goma vertrieben worden. Goma ist nicht nur bekannt für die Vielzahl an Kriegen, die es durchgemacht hat, sondern auch für die sexuelle und geschlechtsbezogene Gewalt, der Frauen und Mädchen dort seit vielen Jahren ausgesetzt sind.
Ich bin von meiner Gemeinschaft verstoßen worden, weil ich aussehe, als ob ich zu einer anderen ethnischen Gruppe gehöre. Obwohl das gar nicht stimmt.
Während des Krieges bin ich mit 17 Mutter geworden, als Teenager. Ich bin in die Hauptstadt Kinshasa gezogen, aber dort hat man mich genauso stigmatisiert. Das bedeutete für mich als Jugendliche einen enormen psychologischen Druck und hat mir sehr wehgetan. Gleichzeitig musste ich eine Mutter für meine Tochter sein, obwohl ich selbst noch ein Kind war.
In Kinshasa bin ich zurück zu Schule gegangen, um meinen Abschluss zu machen. Aber selbst dort konnte ich mich aufgrund meines Äußeren nicht frei bewegen, so dass mein Onkel entschied, mich nach Südafrika zu schicken. Dort habe ich über zehn Jahre als Flüchtling gelebt.
Stellen Sie sich vor, Sie habe dermaßen gelitten, psychisch und emotional, und dann enden Sie auch noch als Flüchtling und werden Opfer von Xenophobie und Rassismus.
Das war der Punkt, an dem ich mich entschied, eine Stimme für diejenigen zu sein, die nicht gehört werden. Mein Engagement begann damit, dass ich mich für Frauen und Mädchen in Erstaufnahmezentren für Flüchtlinge einsetzte. Sie hatten keinen Zugang zu notwendigen Dingen und Leistungen, obwohl diese kostenlos zur Verfügung standen. Zum Beispiel weil sie die Sprache nicht beherrschten, keine Bestechungsgelder zahlen konnten oder nicht über die Ressourcen verfügten, für ihre Rechte zu kämpfen.

Im Laufe der Zeit wurde klar, dass die Frauen in meinem Heimatland mich brauchten – zumal die Demokratische Republik Kongo inzwischen als „Vergewaltigungshochburg“ bekannt geworden war. Denn sexuelle Gewalt wurde dort als Kriegswaffe eingesetzt. Ich wollte in mein Land zurückkehren, um für die Frauen und Mädchen, die ich dort zurückgelassen hatte, meine Stimme zu erheben. Denn sie mussten immer noch mit der Gewalt und dem Leid leben, die ich auch durchgemacht hatte, denen ich aber glücklicherweise entkommen war.
Ich begann darüber nachzudenken, wie ich dazu beitragen könnte, etwas zu ändern und den Stimmen der Frauen Gehör zu verschaffen. Ich wollte ihnen helfen, ihren gesellschaftlichen Status, ihr Wohlbefinden, ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit und ihre persönliche Entwicklung voranzutreiben. Auch sollten sie mitbestimmen können wie ihr Land geführt wird. Die Kriege im Kongo, insbesondere im Osten des Landes, sind sowohl territorial als auch politisch.
Inmitten der Vielzahl der Machtkämpfe und politischen Spielchen, sind Frauen eine wertvolle Waffe. Denn sie sind gewissermaßen der Stolz der Männer, die sie besitzen. Eine Möglichkeit, einen Feind zu demütigen und die Kontrolle über sein Gebiet zu erlangen, ist es, seine Schwachstelle anzugreifen, indem man „seine“ Frauen und Mädchen systematisch vor seinen Augen vergewaltigt. Gewalt ist ein Mittel, um den Sieg über das feindliche Lager zu signalisieren. Wir haben die Kinder in Kriegsmaschinen verwandelt, in Tötungsmaschinen. All das geschah systematisch. Ich habe mich entschlossen, darüber zu sprechen, damit die Welt einsieht, dass es sich um einen Völkermord handelt.

Der Kongolese Dr. Mukwege wurde kürzlich mit dem Friedennobelpreis ausgezeichnet. Für uns ist das eine Anerkennung unseres Leids. Das jemand, der dazu beigetragen hat, das Leiden der Frauen zu lindern, so eine Auszeichnung erhält, ist ein echter Trost. Eines Tages wird es als Völkermord anerkannt werden. Denn es ist der Grund, warum der Kongo als „Vergewaltigungshochburg“ bekannt geworden ist.
Eine Frau, die vergewaltigt wurde, ist wie tot. Ihr Leben ist zu Ende. Nach so einer entsetzlichen Erfahrung, ist ihr Leben vorbei. Doch sie atmet, sie macht weiter, oft für die Menschen um sie herum, nicht für sich selbst. Wenn sie Kinder hat, eine Familie, tut sie es für sie.
Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft mit vielen sogenannten „Werten“, die festlegen, wie eine Frau zu sein hat. Sie legen fest, wie wir uns verhalten sollen und was von uns erwartet wird.
Einer vergewaltigten Frau wird die ganze Schuld aufgebürdet – obwohl sie das Opfer ist. Was Frauen oft Kraft gibt, ist die Solidarität mit anderen Frauen, die ähnliche oder andere Formen von Gewalt erlebt haben. Sie teilen ihre Erfahrung und ihr Leid. Mit Aufklärung und Sensibilisierung kann man auf einigen Gebieten viel erreichen. Verschiedene humanitäre Initiativen helfen dabei.

Gesundheit rund um Sexualität, Schwangerschaft und Geburt ist ein Thema für Frauen, die Gewalt erleben mussten. Wir haben sehr wenige Krankenhäuser, die Fisteln behandeln. Der Mangel an Information und eine hohe Analphabetenrate gehören zu den Barrieren. Viele Infomaterialien sind auf Französisch und nicht in der Landessprache verfasst. Das heißt, dass selbst wenn Informationen vorhanden sind, können die Frauen sie nicht lesen, weil sie nicht in einer Sprache sind, die die meisten von ihnen sprechen. Das ist nicht sehr hilfreich.
Als kongolesische Frauen besteht unser Einsatz für die Rechte der Frauen zunächst einmal darin, ihnen Gehör zu verschaffen und ihre Teilhabe zu fördern. Wir leben in einem Land mit einem Rechtssystem, das uns beschützen soll. Das muss ich einräumen. Auf dem Papier haben wir viele Rechte. Aber sicherzustellen, dass sie umgesetzt werden, ist eine andere Sache. Wann immer wir über unsere Rechte sprechen, sind Frauen in der Minderheit. Denn der Frauenanteil im Parlament lag noch nie über 15 Prozent. Folglich haben die Männer begonnen, die uns gesetzlich zuerkannten Rechte einzuschränken.
Zum Zweiten arbeiten nicht viele Frauen im Justizwesen, so dass es schwierig ist, diese Gesetze auch wirklich durchzusetzen. Wir informieren Frauen über ihre Rechte, um diese zu verteidigen. Je mehr Entscheidungsträger sich dieser Themen bewusst sind, desto mehr können wir nach und nach Einstellungen verändern. Wir sprechen über die Stigmata und Diskriminierungen, die aus den alten Denkweisen resultieren. Die Leute halten an den traditionellen Praktiken fest und daran, was sie in den Kirchen hören.
Auch wenn wir den Krieg erlebt haben und wie Frauen vor den Augen ihrer Familie vergewaltigt worden sind, geben wir weiterhin den Frauen die Schuld.»

 
Rajwa Mohamad Rahmoun , Libanon
Rajwa Mohamad Rahmoun , Libanon
Rajwa Mohamad Rahmoun

Ich heiße Rajwa Mohamad Rahmoun und komme aus al-Kusair im Bezirk Homs in Syrien. Ich bin mit meinen Kindern in den Libanon geflohen. Hier sind wir jetzt sicher. Aber ich weiß nicht, wo mein Mann ist. Ich weiß nicht, lebt er noch? Ist er tot? Ich habe keine Ahnung.
Ich muss viel ertragen. Als Frau gesteht man mir nicht zu, meine Rechte und die meiner Kinder zu verteidigen. Was immer mir auch passiert, es heißt: „Du bist eine Frau, sag lieber nichts“. Aber ich melde mich trotzdem zu Wort. Es ist ein ständiger Kampf.
Ich nehme all meinen Mut, meine Kraft und meine Entschlossenheit zusammen, wenn ich etwas zu sagen habe, und sage es. Ich möchte nicht still halten, sondern für meine Rechte einstehen.
Meine Kinder geben mir Mut. Ich muss sie nur einmal anschauen und finde die Durchsetzungskraft und Stärke, um den Mund aufzumachen. Weil es sie gibt und ich für ihre Rechte kämpfen kann, fühle ich mich tapfer.
Mein Sohn hatte einen Unfall mit seinem Moped. Er hat seinen Arm und sein Knie gebrochen. Alle gaben mir die Schuld dafür. Man hat ihn ins Krankenhaus gebracht und 2.000 Dollar von mir verlangt für die Behandlung. Ich hatte aber keine 2.000 Dollar und musste mir Geld von den Nachbarn leihen. Die Leute haben gesagt: Sie ist selber schuld. Sie hat es darauf angelegt, dass ihr Sohn einen Unfall hat”. Warum ich ihm ein Moped gekauft habe? Damit er zur Arbeit fahren kann, als Transportmittel.

Auf dem Weg zum Krankenhaus hatte ich riesige Angst, dass mein Sohn tot sein könnte. Aber zu sehen, dass es ihm gut ging, hat mir die Kraft gegeben, alles in Bewegung zu setzen, um das Geld für die Operation aufzutreiben.
Als Alleinerziehende muss ich mir Gehör verschaffen, damit niemand meinen Kindern Schaden zufügt – und für alles andere.
Wir werden hier in jeder Hinsicht ungerecht behandelt. Wir haben unser Zuhause verloren und leben jetzt in einem Lager ohne jeglichen Besitz. Wir haben alles verloren. Gott sei Dank sind wir am Leben. Wir müssen uns damit abfinden, aber hier ist es so anders als unser Alltag in Syrien. Unser Leben in Syrien hatte rein gar nichts mit dem hier zu tun.

Ich wünschte, dass wir in unser Land zurückkehren könnten. Ich wünschte, dass ich die Augen aufschlagen und mich zu Hause wiederfinden könnte. In unserer Heimat.
Ich erziehe meine Kinder alleine. Ich träume davon, dass sie mit allem erfolgreich sind, was sie tun. Dass sie die richtigen Entscheidungen treffen und ihre Ziele erreichen. Das wünsche ich mir aus tiefsten Herzens.

Für Frauen wünsche ich mir das Recht, ihr Leben zu leben, sich verteidigen zu können und dass alles Unrecht, das ihnen getan wird, nicht unbeachtet bleibt. Die Gesellschaft besteht zur Hälfte aus Frauen. Männer und Frauen leben heute nicht mehr in getrennten Welten. Frauen sollten mehr Rechte haben.
Denn Frauen schenken Leben, ziehen Kinder auf und halten Familien zusammen. Die Frau ist die Grundlage für alles, was das Leben ausmacht.

Frauen müssen immer tapfer und stark sein. Sie sollten mehr Einfluss bekommen, denn sie tragen das Meiste zur Gesellschaft bei. Ohne Frauen würde überhaupt nichts existieren.

 
Magdalena Simeonova , Bulgarien
Magdalena Simeonova , Bulgarien
Magdalena Simeonova

Ich heiße Magdalena Simenova und bin 28 Jahre. Meine zwei Kinder sind neun und fünf Jahre alt.
Ich bin im Stadtteil Nadeshda geboren und aufgewachsen. Vor einem Jahr haben wir das Ghetto verlassen und sind nach Sini Kamani gezogen.
Ich habe mit nur 14 Jahren geheiratet. Heute bin ich strikt dagegen, dass Leute so früh heiraten.
Ich hatte wunderbare Eltern, die darauf bestanden haben, dass ich weiter zu Schule gehe. Ich hatte gute Noten. Aber mein Umfeld hat mich beeinflusst…
Als ich meinen Mann getroffen habe und ihn heiraten wollte, waren meine Eltern dagegen. Aber ich bin stur geblieben und sie haben nachgegeben. Also haben wir geheiratet. Mein Mann war 18 und ich war 14.
Die Tradition gibt es zwar vor, aber auch für die Menschen ist es normal. Sie sehen es nicht als Problem. Sie denken, dass es eben so ist.
Wenn du verheiratet bist, wird von dir erwartet, dass du aufhörst, zur Schule zu gehen. Du sollst Dich um die Familie kümmern und Kinder bekommen. Bei uns erwarten dein Mann und seine Familie, dass du sofort Kinder bekommst. Warten ist keine Option.
Ärzte der Welt hat ein Projekt angeboten, das Frauen hilft, ungeplante Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten zu vermeiden. Ich habe an dem Kurs teilgenommen. Ich glaube, er hat vier Wochen gedauert, ich weiß nicht mehr genau.
Dort habe ich die Dozentin und Hebamme Fanya Rameva getroffen und irgendwie hat es da bei mir geklickt. Ich wusste, dass ich zurück zur Schule gehen wollte.
Zur gleichen Zeit hat mein 47-jähriger Schwiegervater sich auch entschlossen, auf die weiterführende Schule zu gehen. Dann hat sich mein Ehemann auch angemeldet. Ich wollte insgeheim das Gleiche tun, aber ich hatte Angst, es jemandem zu sagen, weil ich eine Frau bin und Frauen dürfen bei uns eigentlich nicht studieren.
Aber mein Mann wusste von meinem Traum. Eines Tages hat er mich überrascht und mir gesagt, dass er mich bei der Abendschule angemeldet hat. Zuerst waren alle dagegen und es gab Streit, weil ich mich dazu entschieden hatte, wieder zur Schule zu gehen.

Aber wir haben nicht aufgegeben. Ich habe die Schule mit der zweitbesten Note beendet und dann begonnen, an der Medizinischen Universität Vara zu studieren. Ich habe mich auf Geburtshilfe spezialisiert. Jetzt bin ich in meinem vierten und letzten Jahr und absolviere ein Praktikum. Wenn das Praktikum vorbei ist, mache ich meinen Abschluss.

Meine Jungs sind 9 und 5 Jahre alt. Ich werde es nicht zulassen, dass ihnen das Gleiche passiert. Deshalb sind wir aus der alten Nachbarschaft weggezogen, damit sie nicht von der Umgebung beeinflusst werden. Mein Mann und ich werden unser Bestes tun, ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen, damit sie produktive Mitglieder der bulgarischen Gesellschaft werden.
Ich schätze mich glücklich, die erste Frau in Nadezhda zu sein, die getan hat, was ich getan habe, und die Möglichkeit hat zu studieren. Ich glaube, dass viele andere in meine Fußstapfen treten werden.

Deshalb habe ich mich entschlossen, im dortigen Zentrum für Mütter zu arbeiten. Ich motiviere sie, spreche mit ihnen über ihre Träume und sorge dafür, dass sie nicht die Schule abbrechen. Ich bin sicher, dass sich in Zukunft mehr Frauen für die Bildung entscheiden und eine Rolle in der Gesellschaft spielen werden.

 
Diana Patricia Solís , Kolumbien
Diana Patricia Solís , Kolumbien
Diana Patricia Solís

Ich heiße Diana Patricia Solís und lebe in der kolumbianischen Provinz Valle del Cauca, in einer kleinen Stadt namens Guacarí. Ich habe zwei Söhne. Mein Ältester ist 31 Jahre und der Jüngere 29.
Ich bin Opfer sexueller Gewalt geworden, als mich 1995 eine Gruppe von Guerilla-Männern der FARC angegriffen hat, die hier im Tal leben.
Wie man sich danach fühlt ist der Grund, dass es so schwer ist, darüber zu reden. Du fühlst dich schmutzig. Es ist grauenhaft. Deine Welt bricht zusammen. Sie haben mich zwei Tage lang in den Bergen festgehalten und mir alles Mögliche angetan.
Ich konnte nicht darüber sprechen. Ich hatte Angst vor den Konsequenzen für meine Familie. Nur meinem Chef habe ich davon erzählt. Damals habe ich bei einer Familie in der Provinzhauptstadt Cali gearbeitet. Ich war gerade dabei, für das Frühstück einzukaufen, als sie mich entführt haben. Es waren mehrere Männer und ich konnte mich nicht wehren. Es war grauenhaft. Danach habe ich mich geschämt. Ich habe meinen Freunden und meiner Familie nie davon erzählt. Meinem Chef habe ich davon erzählt, weil er gesehen hat, in was für einem Zustand ich war, nachdem die Männer mich freigelassen hatten. Es war einfach grauenhaft.
Ich bin dabei mit einer Geschlechtskrankheit infiziert worden. Sie wurde mit Injektionen und Tabletten behandelt, obwohl es nur eine leichte Infektion war.
Die Männer haben mich geschlagen, missbraucht, beleidigt…Sie haben mit mir gemacht, was sie wollten. Es war wirklich grauenhaft.
Ärzte der Welt hat mir sehr geholfen. Ich habe gelernt, wie ich Kraft schöpfen kann. Jetzt kann ich viel ruhiger darüber sprechen. Zuerst konnte ich das nicht aushalten. Ich bin immer in Tränen ausgebrochen und habe mich sehr unwohl dabei gefühlt.
Ich habe Kurse mit den Ärzte der Welt-Mitarbeiterinnen Sandrita, Marta und anderen besucht. Dort habe ich gelernt, Kraft zu schöpfen. Und ich habe verstanden, dass es nicht meine Schuld war und ich in keiner Hinsicht dafür verantwortlich bin, was passiert ist. Ich habe nichts provoziert.
Nach dem Übergriff habe ich getan, was ich konnte, um einfach mein Leben weiterzuleben. Aber dann bin ich mit meinen Söhnen vertrieben worden.
Als mein ältester Sohn 20 oder 21 war, wollten sie, dass er der FARC beitritt, aber er wollte das nicht. Ich hätte ihn auch nicht gehen lassen. Ein enger Freund von mir hat mich gewarnt, dass man meinen Sohn umbringen würde, weil er sich geweigert hat. Er sagte, wir sollten von hier verschwinden. „Bring den Jungen hier weg oder sie werden ihn umbringen“, hat mein Freund gesagt.
An diesem Abend, auf dem Weg zur Arbeit, haben sie meinen Freund getötet. Sie haben ihm ein Schild um den Hals gehängt, auf dem stand, dass er ein Verräter sei. Sie hatten herausgefunden, was er zu mir gesagt hatte. Als ich am nächsten Morgen aus dem Haus gegangen bin, haben mich zwei vermummte Männer auf Motorrädern aufgehalten und bedroht. Sie haben mir 24 Stunden gegeben, um mit meinen Söhnen fortzugehen. Wenn ich das nicht täte, hätte das Konsequenzen für meine Familie.
Ich bin zum Büro der Staatsanwaltschaft gegangen, um Anzeige zu erstatten. Die Staatsanwältin war eine Dame. Sie gab mir ein Schreiben, das ich überall vorzeigen konnte, um Anzeige zu erstatten. Aber wir mussten gehen.
Wir sind in ein Taxi gestiegen und eskortiert von der Polizei in die Gemeinde La Tebaida gefahren. Wir kannten dort niemanden. In der Tasche hatten wir nur tausend Pesos. Jeder hatte eine kleine Reisetasche mit drei oder vier Garnituren Kleidung. Wir froren, waren hungrig und verzweifelt. Ich habe zu meinem Sohn gesagt, dass er einen Kaffee und ein Brötchen holen soll.
Eine Frau ist auf mich zugekommen. Sie hat gesehen, dass wir vertrieben worden waren. Ihr war es einmal genauso ergangen. Sie hat uns gezeigt, wo ich meine Anzeige erstatten konnte. Außerdem bot sie an, bei ihr zu wohnen, bis wir eine Bleibe gefunden hatten.
Ich habe einen Job in einem Grillrestaurant gefunden, aber wir kamen finanziell nicht zurecht und unsere Unterkunft war ungemütlich. Ich musste eine bessere Arbeit finden.
Dann habe ich einen Mann getroffen. Ich dachte, er könnte mich aus dieser schwierigen Situation herausholen. Der größte Fehler, den ich jemals gemacht habe.
Er war ein verantwortungsloser Schlägertyp. Ich musste arbeiten und für alles sorgen. Er war gewalttätig. Es war furchtbar. Ich wusste nicht, was mit mir geschah.
Früher dachte ich, dass ich all das, was passiert ist, verdient hätte. Ich habe still gelitten und niemandem etwas gesagt. Ich habe mich geschämt, bis ich einen Kurs hier in Guaviare besucht habe. Eine Psychologin hat das Thema angesprochen. Sie hat mich gefragt, warum ich den Überfall nicht angezeigt hätte. Wenn ich das täte, könnte ich psychologische und psychosoziale Hilfe erhalten. Durch Ärzte der Welt habe ich gelernt, mir Misshandlungen nicht gefallen zu lassen.
Jetzt möchte ich mich weiterentwickeln. Ich möchte in der Lage sein, anderen Frauen zu helfen, die unter den gleichen Schwierigkeiten und Problemen gelitten haben. Ich möchte ihnen zeigen, dass wir Frauen uns von niemandem misshandeln lassen müssen, sei es physisch oder verbal. Kein Mann darf das. Es gibt keine Rechtfertigung dafür. Ich möchte mich auf diese Frauen konzentrieren und ihnen helfen, ihre Zukunft zu gestalten.
Ich würde auch sehr gern eine Arbeit finden. Aber das ist nicht so einfach. Sie sehen ja, in welchem Zustand mein Haus ist. Trotzdem, es ist mein Haus und ich liebe es. Ich bin glücklich hier. Irgendwann würde ich mich gern selbstständig machen.

Aber jetzt möchte ich mich erstmal auf die Frauen konzentrieren. Sie sollen wissen, dass wir Missbrauch, in welcher Form auch immer, nicht zulassen müssen.

 
Sanu Nani Magar , Nepal
Sanu Nani Magar , Nepal
Sanu Nani Magar

Ich heiße Sanu Nani Magar, bin 48 Jahre alt und komme aus der Gemeinde Dgading Besi in Nepal.

Ich habe es mir nicht ausgesucht, hier an die Müllhalde zu ziehen. Aber ich hatte ein hartes Leben. Ich musste eine Arbeit finden und Geld verdienen. Also bin ich hier her gekommen, um Müll zu sortieren.

Wir mussten mehrere Kinder versorgen, sie ernähren und einkleiden. Aber wir kamen nicht über die Runden. Nachdem wir an verschiedenen Orten Arbeit gesucht haben, sind wir hier gelandet. Wir verdienen gerade so viel, dass es zum Überleben reicht. Die Kinder sind jetzt erwachsen und wir wohnen alle in dem gleichen Haus.

Ich habe sechs Kinder geboren, fünf von ihnen haben überlebt, vier Mädchen und ein Junge. Meine älteste Tochter ist 31, die zweite 24, die jüngste 13. Mein Sohn ist 21.

Ich habe mir eine Arbeit gesucht, weil wir unsere Schulden abbezahlen mussten und nicht genug Geld hatten, damit es bis zum Ende des Monats reicht. Ein kleines Stück Land ist einfach nicht genug.

Erst sind wir nach Teku gegangen, später haben wir uns hier niedergelassen. Ein Freund hat auf der Deponie Müll sortiert. So haben wir hier Arbeit gefunden.

Mein Mann arbeitet mit mir.

Es ist schwere Arbeit und wir wissen nie, was uns erwartet. Hier gibt es Glas, Schutt, manchmal finden wir Nadeln. Die Bulldozer und der andauernde Lärm der Maschinen machen mir Angst. Es ist nicht leicht, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Wir müssen vorsichtig sein und gut auf uns aufpassen.

Solange der LKW kommt und seine Ladung ablädt, haben wir Arbeit. Aber wenn er nicht kommt, gibt es auch keine Arbeit. Zum Beispiel samstags, wenn nicht so viele LKW kommen. Ich arbeite im Durchschnitt 22 Tage im Monat und verdiene zwischen 400 und 500 Rupien, also ungefähr zwischen fünf und sechs Euro.

Ich lebe in einem Haus weiter unten. Es ist schmutzig und aus Wellblech. Wir haben dort kein fließendes Wasser, sondern müssen es vom Brunnen holen. Es ist anstrengend.

Ich hätte gern bessere Arbeitsbedingungen und Zugang zu Wasser. Gern würde ich auch wie früher von der Landwirtschaft leben, aber damit haben wir nicht genug verdient. Natürlich habe ich Ideen und Träume, aber ich kann sie nicht verwirklichen. Ich habe darüber nachgedacht, einen kleinen Laden zu eröffnen. Wenn ich die Mittel hätte, würde ich etwas anderes tun, aber das Problem ist, ich habe das Geld nicht.

Es gibt Gruppen, wo sich Frauen über Projekte austauschen können. Aber es ist schwer genug, für sich selbst und die Familie zu sorgen. Es gibt dauernd Probleme, jeder hat Probleme. Es wäre toll, mit den anderen etwas auf die Beine zu stellen, aber ich habe gerade genug, dass es zum Leben reicht. Ich weiß nicht, was ich tun könnte, um anderen zu helfen. Wenn du nichts hast, respektieren dich die Leute nicht. Sie hören Dir nicht einmal zu.

Das Leben hier ist hart. Manchmal gehen die Männer nach da oben, um zu trinken, und wenn sie es übertreiben, werden sie gewalttätig. Wir haben alle unsere Sorgen. Wir nehmen sie hin und halten uns gerade so eben über Wasser.